Leerstehende Kaufhäuser, sinkende Passantenfrequenzen und neue Anforderungen an Klimaanpassung und Mobilität verändern die Aufgaben der Innenstadtentwicklung. Für Kommunen stellt sich damit die Frage, wie zentrale Orte auch unter veränderten Rahmenbedingungen funktionsfähig und lebenswert bleiben. Einzelne Maßnahmen müssen dabei mit einer längerfristigen Entwicklungsperspektive verbunden werden.

Auf der Stadtmarketing-Börse Cottbus 2026 erläuterte Christine Melz-Dürnagel, Senior Projektmanagerin bei aconium, welche Rolle Resilienz dabei spielt und wie Stadtmarketing die kommunale Entwicklung unterstützen kann. Im Mittelpunkt standen der Umgang mit gleichzeitig wirkenden Veränderungen, die Zusammenarbeit vor Ort und die Nutzung von Daten für frühzeitige Entscheidungen.

Veränderungen im Zusammenhang betrachten

Die Veränderungen, denen Innenstädte ausgesetzt sind, treten nicht nacheinander auf, sondern gleichzeitig und wirken aufeinander ein. Strukturwandel im Einzelhandel, die Einflüsse der Digitalisierung auf die Innenstadtangebote, ein sich veränderndes Freizeitverhalten, demografische Verschiebungen und Klimaanpassung lassen sich daher nicht isoliert betrachten.

Für die kommunale Planung kommt es darauf an, diese Wechselwirkungen zu verstehen: Welche Nutzungen werden künftig gebraucht? Welche Angebote ergänzen sich? Und wie können Verwaltung, Eigentümer, Wirtschaft und Stadtgesellschaft gemeinsam auf veränderte Anforderungen reagieren? Dazu braucht es Verfahren, mit denen Entwicklungen regelmäßig beobachtet, Entscheidungen abgestimmt und Maßnahmen bei Bedarf angepasst werden.

Resilienz als Fähigkeit zur Weiterentwicklung

Resilienz beschreibt in diesem Zusammenhang die Fähigkeit einer Innenstadt, auf Veränderungen zu reagieren und neue Entwicklungsmöglichkeiten zu nutzen, ohne ihre Identität und ihre Stärken zu verlieren. Am Beispiel eines leerstehenden Kaufhauses lässt sich das konkret machen: Bei der Suche nach einer künftigen Nutzung kommen neben dem Handel auch Wohnen, Kultur, Bildung, Gastronomie oder Begegnung in Betracht. Entscheidend ist, welche Funktionen an diesem Ort gebraucht werden und unter welchen Voraussetzungen sie sich verwirklichen lassen.

Aus diesem Verständnis lassen sich vier Fähigkeiten ableiten, die eine resiliente Innenstadt auszeichnen: Wandel frühzeitig erkennen, handlungsfähig bleiben, Krisen als Lernimpuls nutzen und vorhandene Potenziale gezielt weiterentwickeln. Dafür sind neben geeigneten Gebäuden und Infrastrukturen insbesondere die Zusammenarbeit und die Entscheidungsfähigkeit der Akteure vor Ort maßgeblich.

Stadtmarketing als Partner der kommunalen Entwicklung

Das erweitert auch die Aufgaben des Stadtmarketings. Neben der Kommunikation eines Standorts kann es Veränderungen beobachten, unterschiedliche Interessen zusammenführen und die Entwicklung neuer Nutzungen begleiten. Voraussetzung dafür sind klare Aufgaben und eine abgestimmte Zusammenarbeit mit Verwaltung, Wirtschaftsförderung und weiteren Beteiligten.

Eine solche Rolle verlangt, Erfahrungen und Daten regelmäßig auszuwerten: Welche Maßnahmen erreichen ihre Ziele? Wo verändern sich Nachfrage oder Nutzung? Welche Anpassungen sind erforderlich? Stadtmarketing kann dazu beitragen, diese Erkenntnisse zwischen den Beteiligten zu vermitteln und gemeinsame Entscheidungen vorzubereiten.

Was das in der Praxis bedeutet

Drei im Vortrag vorgestellte Projekte veranschaulichen unterschiedliche Ansatzpunkte dieser Arbeit. Bei der Kleinstadtakademie stand die Frage im Zentrum, wie sich Leerstände durch neue Angebote und vor allem durch Kooperation zwischen den beteiligten Akteuren beheben ließen. Die Resilienzstudie für Chemnitz rückte die Voraussetzungen für Veränderungsbereitschaft in den Mittelpunkt: Vertrauen, Beteiligung und glaubwürdige Kommunikation. Bei der NEUStadt-Meile Dessau ging es darum, gezielt Räume für neue Nutzungen und Experimente zu schaffen.

In diesen Vorhaben begleitete aconium Kommunen bei unterschiedlichen Aufgaben der Innenstadtentwicklung. Gemeinsam ist den Beispielen, dass bauliche oder funktionale Veränderungen mit der Zusammenarbeit vor Ort verbunden werden müssen. Welche Akteure beteiligt werden und wie Entscheidungen vorbereitet werden, hängt dabei von der jeweiligen Ausgangslage ab.

Künstliche Intelligenz als Frühwarnsystem – Entscheidungen bleiben menschlich

Weil Resilienz davon abhängt, Veränderungen früh zu erkennen, Zusammenhänge zu verstehen und schneller zu lernen, thematisierte der Vortrag auch den möglichen Beitrag Künstlicher Intelligenz. Gerade für Stadtmarketing und Wirtschaftsförderung kann daraus ein neues Frühwarnsystem entstehen: Entwicklungen werden nicht erst dann sichtbar, wenn Leerstände zunehmen oder Frequenzen deutlich zurückgehen, sondern können kontinuierlich beobachtet und eingeordnet werden.

Drei Anwendungsfelder kristallisieren sich heraus, in denen KI eine Unterstützung in der resilienten Stadtentwicklung ist: Erstens das frühere Erkennen von Entwicklungen, etwa bei Leerstand, Passantenfrequenzen, Branchenverschiebungen oder Mobilitätsverhalten, indem KI unterschiedliche Datenreihen über einen bestimmten Zeitraum vergleicht und auffällige Muster sichtbar macht. Zweitens ein besseres Verständnis von Zusammenhängen, wenn Daten aus verschiedenen Quellen – etwa zu Wetter, Veranstaltungen oder Besucherströmen – zusammengeführt werden. Und drittens ein vorausschauendes Handeln, wenn aus erkannten Mustern Szenarien und Handlungsoptionen abgeleitet werden. KI kann Entwicklungen frühzeitig sichtbar machen und damit den Zeitpunkt verändern, an dem Stadtmarketing und Kommune handeln können: weg vom Reagieren auf Probleme, hin zum vorausschauenden Gestalten.

Wesentlich ist allerdings, dass KI-Orientierung gibt, wie die Innenstadt aber in Zukunft gestaltet wird ist menschbasiert. Ob ein leerstehendes Gebäude künftig dem Wohnen, der Kultur oder dem Handel dient, ist keine technische, sondern eine politische und gesellschaftliche Frage – die Entscheidung trifft der Mensch.

Den eigenen Handlungsbedarf bestimmen

Für Kommunen, die sich systematisch mit der eigenen Resilienz auseinandersetzen wollen, bietet der Stresstest für Städte und Kommunen des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) einen möglichen Einstieg. Das Resilienz-Monitoring steht bundesweit kostenfrei zur Verfügung; die Anmeldung erfolgt über eine dienstliche E-Mail-Adresse der Kommune. Mit dem Instrument können Kommunen ihre Ausgangslage untersuchen und Bereiche identifizieren, in denen weiterer Handlungsbedarf besteht.

Der Vortrag in Cottbus machte insgesamt deutlich, dass resiliente Innenstadtentwicklung als mehrdimensionaler Prozess zu verstehen ist, der am Ende zu einer vielfältigeren, bedarfsorientierten Nutzung führt – vorausgesetzt, ein möglichst breites Akteursspektrum wird von Beginn an einbezogen. Genau hier setzt aconium mit seiner Arbeit an: als Transformationsbegleiter und Enabler, der Kommunen dabei unterstützt, resiliente Maßnahmen zu identifizieren, Akteure zusammenzubringen und Umsetzungsschritte gemeinsam mit der Stadt zu entwickeln.

Alle Informationen zur Deutschen Stadtmarketingbörse 2026: https://www.stadtoptimisten.de/