Daseinsvorsorge als Maßstab
Am 14. Oktober 2026 widmete sich die öffentliche Jahrestagung des Deutschen Verbands für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung in Berlin der Digitalisierung von Prozessen für Stadtentwicklung und Wohnen. Gastgeber war aconium. Im Mittelpunkt des Impulses „Daseinsvorsorge digital gestalten“ stand die Frage, wie Kommunen digitale Möglichkeiten in verlässlich nutzbare Leistungen überführen können.
Die Anforderungen an Kommunen verändern sich dabei gleichzeitig an mehreren Stellen. Die Wärmeversorgung wird umgebaut, Gebäude müssen an veränderte Nutzungen und Klimafolgen angepasst werden, Bevölkerungsentwicklung und Mobilitätsbedarf unterscheiden sich oft schon zwischen Nachbargemeinden. Zugleich begrenzen knappe Haushalte und Personalkapazitäten den Handlungsspielraum.
Hinzu kommt, dass die Entscheidungen einander beeinflussen. Ein Wohnungsunternehmen plant die Sanierung seines Bestands, die Kommune entwickelt ein Quartier weiter, der Netzbetreiber schätzt ab, wo zusätzliche Stromleistung gebraucht wird. Ob ein Wärmenetz wirtschaftlich tragfähig ist, hängt auch davon ab, welche Gebäude wann angeschlossen werden können. Gemeinsam nutzbare Informationen helfen den Beteiligten, ihre Planungen frühzeitig aufeinander abzustimmen. Digitale Infrastruktur schafft dafür die technische Grundlage.
Netze und Daten für gemeinsame Entscheidungen
Glasfaser verbindet Gebäude, Unternehmen und öffentliche Einrichtungen, Mobilfunk macht Dienste unterwegs verfügbar, Sensornetze übermitteln Messwerte aus Gebäuden, Straßenraum oder Wasserwirtschaft. Welche Verbindung benötigt wird, richtet sich nach der jeweiligen Aufgabe. Kapazität, Verfügbarkeit und Erweiterungsmöglichkeiten müssen ebenso berücksichtigt werden wie Informationssicherheit, Wartung und der Umgang mit Ausfällen.
Wie sich der nächste Schritt gestalten lässt, zeigt der Landkreis Cham. Der Landkreis organisiert den Glasfaserausbau in kommunaler Verantwortung über einen Eigenbetrieb. Eine systematische Erfassung der Mobilfunkversorgung machte Versorgungslücken sichtbar. Hinzu kommt eine gemeinsame Geodatenbasis der Gemeinden, ein interkommunales Geoinformationssystem. Ein digitaler Zwilling verknüpft räumliche Informationen unter anderem mit Wasser-, Wetter- und Flächendaten. So entsteht eine Grundlage, die sich für unterschiedliche Aufgaben der Stadt- und Regionalentwicklung nutzen lässt.
Leistungsfähige Netze sorgen noch nicht dafür, dass alle Beteiligten auf derselben Entscheidungsgrundlage arbeiten. Informationen liegen bei kommunalen Fachämtern, der Wohnungswirtschaft, Netz- und Versorgungsunternehmen, Mobilitätsanbietern sowie Geodaten- und Umweltstellen. Sie wurden für unterschiedliche Zwecke erhoben und werden unterschiedlich oft aktualisiert. Damit sie gemeinsam nutzbar werden, müssen Daten beschrieben, in geeigneten Formaten bereitgestellt und über Schnittstellen verbunden werden. Ebenso wichtig ist die fachliche Verantwortung: Wer hält welche Angaben aktuell, wie verlässlich sind sie, und wer darf sie wofür verwenden?
Eine Datenplattform kann diese Zusammenarbeit unterstützen, sofern sie sich in vorhandene Fachverfahren einfügt und mit den Aufgaben wachsen kann. Für kleinere Kommunen kann ein gemeinsamer Betrieb auf Kreis- oder regionaler Ebene sinnvoll sein. Ihre Mitentscheidungsrechte und die Verantwortung für die Daten müssen dabei klar vereinbart sein.
Datensouveränität bedeutet in diesem Zusammenhang, über Nutzung und Weiterentwicklung der eigenen Datenbestände tatsächlich entscheiden zu können. Dafür müssen Nutzungsrechte, Exportmöglichkeiten und dokumentierte Schnittstellen von Anfang an geklärt sein. Offene Standards und quelloffene Software können die Nachnutzung und einen möglichen Wechsel des Dienstleisters erleichtern. Zugleich müssen personenbezogene Angaben, Geschäftsgeheimnisse und sicherheitsrelevante Informationen geschützt bleiben.
Digitale Zwillinge unterstützen Vorsorge und Planung
Im bayerischen Förderprogramm TwinBy wurden Kommunen und kommunale Verbünde beim Aufbau digitaler Zwillinge und der Entwicklung konkreter Anwendungsfälle unterstützt. aconium begleitete Kommunen im Projektverlauf und übernahm Aufgaben bei der 3D-Visualisierung und der Einbindung von Anwendungsdaten.
Ein Beispiel ist das Hochwasser- und Starkregenmanagement im Oberzentrum Deggendorf–Plattling. Die beiden Städte führen Geodaten und Umweltsensorik in einer räumlichen Darstellung zusammen. Die von aconium umgesetzte Nutzeroberfläche auf Basis des Masterportals macht mögliche Gefährdungen für Gebäude und Infrastruktur verständlich. Verwaltung, Einsatzkräfte und Bevölkerung erhalten damit eine gemeinsame Informationsgrundlage für Vorsorge und Planung.
Der Funktionsumfang eines digitalen Zwillings sollte sich daran orientieren, welche Entscheidung er unterstützen soll. Eine anschauliche Darstellung erleichtert die Verständigung; für belastbare Szenarien braucht es zusätzlich geeignete Fachdaten, nachvollziehbare Annahmen und geprüfte Modelle. Die Verantwortung für Bewertung und Entscheidung bleibt bei den zuständigen Stellen. Dauerhaft nutzbar wird die Anwendung durch gepflegte Daten, qualifizierte Mitarbeitende und die Einbindung in bestehende Arbeitsabläufe.
Zusammenarbeit als Grundlage neuer Infrastruktur
Besonders deutlich wird der Bedarf an gemeinsamer Planung bei der Wärmewende, denn Gebäudesanierung, Wärmeversorgung und Netzausbau wirken über lange Zeiträume. Im Landkreis Lörrach können die Beteiligten für eine neue Infrastrukturaufgabe auf eingespielte Zusammenarbeit zurückgreifen: Der Zweckverband Breitbandversorgung hat den Glasfaserausbau organisiert und dabei eigene Kompetenzen für Planung, Bau, Finanzierung und Betrieb aufgebaut. Gemeinsam mit badenIT gründete er die Regio RZ Süd GmbH. Das Rechenzentrum und die darauf aufbauenden interkommunalen IT-Dienste erweitern diese Zusammenarbeit.
Für die Entwicklung des Wärmeverbunds Hochrhein–Oberrhein–Wiesental stellen sich vergleichbare Fragen nach Trägerschaft, Finanzierung und Betrieb. Die interkommunale Wärmeplanung und eine Machbarkeitsstudie betrachten unter anderem industrielle Abwärme, Geothermie, Biomasse und die erforderliche Netzinfrastruktur. Das Beispiel zeigt, wie vorhandene kommunale Zusammenarbeit die Vorbereitung weiterer Infrastrukturvorhaben unterstützen kann.
Auf Rügen soll ein integrierter Entwicklungsansatz die Energieversorgung mit den Anforderungen der regionalen Wirtschaft verbinden. Digitale Netze und kleinere lokale Rechenkapazitäten sind vorhanden, zugleich ändert sich der Bedarf: Der Tourismus erzeugt saisonale Spitzen, mögliche größere Gewerbeansiedlungen und die Entwicklung der Hafenwirtschaft stellen neue Anforderungen an Strom und Wärme, und klimatische Veränderungen wirken auf Gebäude und Versorgung. Das Gesamtkonzept soll Erzeugung, Netze und Speicher mit Wärmeplanung und Mobilität zusammenführen.
Auf dieser Grundlage sollen Investitionen vorbereitet und zeitlich abgestimmt werden: etwa in gemeinsame Wärmeversorgung, zusätzliche Netzkapazitäten oder Speicher. Wohnungsunternehmen könnten Sanierungen mit der regionalen Versorgungsperspektive abgleichen; Kommunen ihre Mittel auf zusammenpassende Maßnahmen ausrichten. Voraussetzung bleiben geklärte Trägerschaften und Finanzierungswege.
Gemeinsame Vorhaben entwickeln und Erfahrungen weitergeben
Wie aus einer Strategie ein gemeinsamer Umsetzungsprozess wird, zeigt der Hessische Landkreistag. Die 21 hessischen Landkreise entwickelten und realisierten gemeinsam mit dem Verband und aconium als Kooperationspartner acht Umsetzungsprojekte. Die Schwerpunkte lagen auf modernen Arbeitsplätzen, Informationssicherheit und gemeinsam nutzbarer Infrastruktur sowie dem digitalen Management von Schulgebäuden.
Entscheidend sind vereinbarte Prioritäten, eindeutige Zuständigkeiten und eine regelmäßige gemeinsame Bewertung des Fortschritts. Gerade kleinere Verwaltungen können so Kapazitäten bündeln und auf gemeinsam erarbeitete Grundlagen zurückgreifen.
Damit Erfahrungen auch andernorts nutzbar werden, brauchen Kommunen verständlich aufbereitetes Wissen und Ansprechpartner. Das Portal „Smarte Regionen Sachsen“ ist eine Initiative des simul+ InnovationHub des Freistaats. Der Potenzialcheck unterstützt Kommunen dabei, ihren Entwicklungsstand und mögliche Handlungsfelder einzuordnen. Best Practices zeigen Lösungsansätze und benennen Kontaktpersonen für Rückfragen. Förderfinder und Wissensnavigator erschließen Finanzierungsmöglichkeiten und fachliche Hilfen.
Der Nutzen liegt darin, die eigene Vorbereitung auf Erfahrungen anderer aufzubauen: Welche Voraussetzungen braucht eine Lösung? Was hat bei der Einführung funktioniert, wo gab es Schwierigkeiten? Und was lässt sich auf die eigene Kommune übertragen? Erkenntnisse aus Gesprächen und Austauschformaten mit Kommunen fließen wieder in das Portal ein.
Dauerhafter Betrieb muss von Anfang an mitgedacht werden
Aus den Beispielen können drei Erfahrungen abgeleitet werden. Erstens braucht jede Anwendung eine klar benannte Aufgabe: Soll eine Entscheidung besser vorbereitet, eine Leistung verlässlicher oder ein Prozess einfacher werden? Nur daran lässt sich der Nutzen später messen. Zweitens müssen die Daten für diese Aufgabe geeignet und anschlussfähig sein. Herkunft, Qualität und Aktualisierung gehören ebenso dazu wie die Möglichkeit, Informationen aus verschiedenen Fachbereichen zu verbinden. Drittens braucht Zusammenarbeit klare Verantwortung: Für fachliche Bewertung, Datenpflege, technischen Betrieb, Datenschutz und Informationssicherheit müssen Zuständigkeiten und Abläufe feststehen.
Schon bei der Auswahl einer Lösung sollten Kommunen deshalb klären, wer sie betreibt, weiterentwickelt und finanziert. Ein Landkreis, ein Zweckverband oder ein kommunaler Dienstleister kann solche Aufgaben bündeln; die beteiligten Gemeinden vereinbaren Anforderungen, Mitentscheidungsrechte und die Verteilung der Kosten. Mitarbeitende benötigen Qualifizierung und erreichbare Ansprechpartner.
Bund, Länder und kommunale Netzwerke können den Transfer unterstützen, indem sie ihre Angebote an diesen konkreten Aufgaben ausrichten. Häufig brauchen Kommunen gerade beim Übergang von einem erprobten Ansatz zur eigenen Anwendung Hilfe: bei der fachlichen Anpassung, der Organisation und der Finanzierung des laufenden Betriebs.
Den Maßstab setzen am Ende die Menschen: Digitale Stadtentwicklung muss im Alltag erfahrbar werden, durch verlässliche Versorgung, nachvollziehbare Planung und gut zugängliche öffentliche Leistungen. Dazu gehören barrierefreie Angebote, verständliche Informationen und Unterstützung vor Ort, auch für Menschen, die digitale Dienste nicht selbstständig nutzen können. Ob digitale Lösungen dauerhaft erfolgreich sind, zeigt sich daran, ob sie diese Leistungen verbessern und die kommunale Arbeit erleichtern.