35 Prozent der Arbeitszeit auf der Baustelle fließen in Tätigkeiten, die keinen direkten Mehrwert schaffen – Recherche, Dokumentation, das Nachschlagen von Vorschriften. Diese Zahl von Prof. Hannes Schwarzwälder von der Hochschule Biberach macht deutlich, worum es bei einem der derzeit spannendsten KI-Projekte im Bauhandwerk geht: nicht um Technik als Selbstzweck, sondern um Zeit, die Handwerksbetrieben für ihre eigentliche Arbeit fehlt.

Das Projekt „BauNXT“ setzt genau dort an. Entwickelt im Rahmen von Horizont Handwerk durch die Kreishandwerkerschaft Ravensburg gemeinsam mit der aconium GmbH und der embraceable Technology GmbH, bündelt der KI-gestützte Assistent Fachregeln, Normen und praktisches Erfahrungswissen an einem Ort – abrufbar direkt auf dem Smartphone, mitten auf der Baustelle.

Ein Regelwerk, das kaum noch jemand vollständig kennt

Der Bedarf ist real: Nur rund 20 Prozent der befragten Dachdeckerbetriebe fühlten sich zu Projektbeginn sicher im Umgang mit dem umfangreichen Regelwerk ihres Gewerks, das mittlerweile auf etwa 1.600 Seiten angewachsen ist. Mike Schilling, Dachdeckermeister aus Grünkraut bei Ravensburg und ehemaliger Vizepräsident des Zentralverbands des Deutschen Dachdeckerhandwerks, bringt das Problem auf den Punkt: Mehrere Ordner voller Fachregeln könne niemand dauerhaft präsent haben.

In der Pilotphase testeten zehn Dachdeckerbetriebe das System unter realen Bedingungen. Beim Betrieb Hellgoth Bedachungen etwa kam der Assistent zum Einsatz, um Blasenbildungen auf Bitumenbahnen zu beurteilen und eine Checkliste für Kellerabdichtungen zu erstellen – klassische Alltagsfragen, für die bislang oft langwierige Recherche nötig war.

Nachvollziehbarkeit statt Blackbox

Entscheidend für die Akzeptanz eines solchen Systems ist aus Sicht der Beteiligten weniger die reine Antwortgeschwindigkeit als die Nachvollziehbarkeit: Auf welche Regel stützt sich eine Aussage, welche Ausführung ist zulässig, welche Schritte sind zu dokumentieren? Nur wenn diese Bezüge transparent bleiben, kann ein KI-Assistent im Handwerksalltag Vertrauen schaffen, statt neue Unsicherheit zu erzeugen.

Nach der Pilotphase soll BauNXT weiterentwickelt werden – mit zusätzlichen Funktionen, dem Einsatz in weiteren Gewerken des Bau- und Ausbauhandwerks und der Möglichkeit für Betriebe, eigene Wissensinhalte einzupflegen. Ergänzt wird die technische Weiterentwicklung durch ein begleitendes Qualifizierungsangebot, denn ein System entfaltet erst dann Wirkung, wenn es im Betrieb auch verstanden und gepflegt wird.

Ersetzen soll die KI dabei niemanden. Ziel ist es, Fachkräften schnelleren Zugriff auf Wissen zu verschaffen, Fehler zu vermeiden und Erfahrungswissen zu sichern, das mit dem Ruhestand erfahrener Praktiker sonst verloren zu gehen droht – ein Thema, das angesichts des Fachkräftemangels weit über das Dachdeckerhandwerk hinaus relevant ist.