Wie Kommunen mit einer klaren Datenstrategie, interoperablen Plattformen und offenen Datenräumen Vertrauen schaffen und handlungsfähig bleiben.

Wer eine urbane Datenplattform aufbauen, einen digitalen Zwilling entwickeln oder KI-gestützte Anwendungen in der Verwaltung einführen will, muss zunächst seinen Datenbestand kennen. Das klingt trivial – ist in der Praxis aber eine der größten Hürden kommunaler Digitalisierung. Welche Daten existieren überhaupt? In welchen Systemen liegen sie, und in welcher Qualität? Wer darf auf sie zugreifen, wer ist für ihre Pflege verantwortlich? Werden diese Fragen nicht rechtzeitig gestellt, entstehen Fehlentwicklungen, die sich später nur mit erheblichem Aufwand korrigieren lassen.

Der folgende Beitrag verbindet drei Perspektiven auf dieses Thema: die Erkenntnisse aus dem abgeschlossenen europäischen Interreg-Projekt 201eData for All201c, aktuelle fachliche Einordnungen aus der Smart-City-Expertenserie des Fraunhofer-Instituts IESE sowie den Themenrahmen, den aconium auf der Smart Country Convention 2025 unter dem Schwerpunkt 201eDatenstrategien und offene Datenräume 2013 Vertrauen durch Transparenz schaffen201c gesetzt hat.

Erst denken, dann bauen – der Grundriss einer kommunalen Datenstrategie

Das Fraunhofer-Institut IESE formuliert es in seiner Smart-City-Expertenserie treffend: Eine kommunale Datenstrategie ist der Grundriss, IT-Systeme sind der Rohbau und Interoperabilität sind die Türen, Leitungen und Verbindungen, die das Gebäude erst nutzbar machen. Fehlt eine dieser drei Ebenen, bleibt das Haus unfertig.

Eine Datenstrategie darf dabei kein abgeheftetes Konzeptpapier sein. Sie muss am konkreten Arbeitsalltag ansetzen und von realen Anwendungsfällen ausgehen: Was braucht ein bestimmtes Fachamt? Welche Daten werden für ein geplantes Projekt benötigt? Welche organisatorischen, rechtlichen und technischen Voraussetzungen müssen dafür geschaffen werden?

Kommunale Datenstrategien adressieren typischerweise drei Dimensionen gleichzeitig:

  • Organisatorisch: klare Zuständigkeiten, definierte Prozesse, Aufbau von Datenkompetenz in der Verwaltung.
  • Technisch: Infrastruktur, Zugriffskontrollen, standardisierte Schnittstellen und Datenformate.
  • Rechtlich: Datenschutz, IT-Sicherheit und vertragliche Regelungen darüber, wer Daten unter welchen Bedingungen nutzen oder weitergeben darf.

Typische erste Schritte sind eine Bestandsanalyse (welche Daten liegen wo und in welcher Qualität vor?), eine Zieldefinition (datenbasierte Entscheidungen, Open Data, interne Effizienz) und ein konkreter Maßnahmenplan, der technische, organisatorische und kulturelle Schritte zusammenführt. Dazu gehört auch die Einrichtung eines Data Warehouse, die Benennung von Datenverantwortlichen in den Fachbereichen sowie die Förderung einer Datenkultur, in der der Wert von Daten für die tägliche Verwaltungsarbeit erkennbar wird.

Solche Strategien können unterschiedliche Reichweiten haben: von rein internen Verwaltungsdokumenten über interkommunale Ansätze – wie das gemeinsame Vorgehen der Städte Fulda, Offenbach, Gießen und Wetzlar – bis hin zu interregionalen Modellen wie in der Metropolregion Rhein-Neckar.

Datensilos sind kein Schicksal – Interoperabilität als Gestaltungsaufgabe

Eine der größten strukturellen Herausforderungen für kommunale Datensouveränität sind Datensilos: Informationen, die in abgeschlossenen Systemen eingeschlossen bleiben und sich weder intern noch extern sinnvoll verbinden lassen. Das Gegenmittel heißt Interoperabilität – die Fähigkeit unterschiedlicher IT-Systeme und Datenquellen, nahtlos miteinander zu kommunizieren und Daten auszutauschen.

Dabei lohnt ein nüchterner Blick auf die Interessenlage mancher Softwareanbieter: Fehlende Schnittstellen und exklusive Datennutzungsrechte sind für sie kein Problem, sondern ein Geschäftsmodell. Kommunen sollten dem durch klare Vertragsklauseln bei der Beschaffung digitaler Systeme entgegenwirken, die Datenportabilität sicherstellen und offene Standards wie XÖV oder FIM vorschreiben.

Auf europäischer Ebene schafft der Interoperable Europe Act, seit 2024 in Kraft, einen verbindlichen Rahmen: Kommunen sind verpflichtet, vor jeder Beschaffung digitaler Dienste oder größeren Systemänderungen eine Interoperabilitätsbewertung durchzuführen. Auf nationaler Ebene soll der Deutschland-Stack bestehende Lücken schließen, die OZG, Einer-für-Alle-Prinzip und Registermodernisierung hinterlassen haben.

Das Dateninformationsportal Rheinland-Pfalz (DIP RLP) zeigt exemplarisch, wie eine interoperable Datenplattform in der Praxis wirkt: Es bündelt alle relevanten Informationen zum Breitbandausbau, erlaubt Kommunen die Einsicht in Netzdetailpläne, ermöglicht die Adresspunktvalidierung, integriert die digitale Förderantragstellung und stellt gleichzeitig eine öffentlich zugängliche Versorgungskarte für Bürgerinnen und Bürger bereit. Die Plattform ermöglicht Ko-Kreation: Land, Kommunen und Netzbetreiber arbeiten auf gemeinsamer Datenbasis. Dieses Prinzip lässt sich auf andere Themenfelder übertragen – von Klimaschutzdaten über Mobilitätsplanung bis hin zur kommunalen Wärmeversorgung.

Was »Data for All« europäisch erprobt hat – und was Kommunen daraus mitnehmen können

Das im Dezember 2025 abgeschlossene Interreg-Nordsee-Projekt »Data for All« hat über drei Jahre hinweg lokale und regionale Behörden in mehreren europäischen Ländern dabei begleitet, Daten wirksam für den öffentlichen Nutzen einzusetzen. Die Projektergebnisse – ein praxisorientierter Fahrplan, Schulungsmodule, ein Podcast und eine gemeinsame Wissensdatenbank – sind öffentlich zugänglich und unmittelbar auf kommunale Praxis ausgerichtet.

Vier zentrale Befunde aus dem Projekt sind für Kommunen besonders relevant:

  • Daten sind unverzichtbar – aber komplex: Ihr erfolgreicher Einsatz hängt von ethischer Daten-Governance, Interoperabilität und klarem Datenmanagement ab.
  • Werkzeuge für die Praxis: Die entwickelten Ressourcen unterstützen Kommunen dabei, die Lücke zwischen Theorie und praktischer Umsetzung zu schließen.
  • Regionsübergreifender Austausch treibt Innovation voran: Lokale Herausforderungen – in Pilotprojekten aus Südwestflandern, Schweden, der Region Kiel und Dänemark erprobt – können zu übertragbaren Lösungen inspirieren.
  • Politische Abstimmung ist entscheidend: Nachhaltige, datengestützte Verwaltungsleistungen erfordern eine enge Verbindung zwischen regionalen Bedarfen und den Finanzierungs- und Politikrahmen der EU.

Die Roadmap des Projekts beschreibt den Weg von der Initialisierung einer datengestützten Arbeitsweise über Konzeption und Prototyping bis hin zu Entwicklung, Rollout und Skalierung. Für jede Phase gibt es konkrete Aktivitäten und klare Verantwortlichkeiten. Das INTERREG-Projekt DoorCE (Data Opener Central Europe) ergänzt diesen Ansatz: Es bietet mit der Open Data Toolbox ein zentrales Datenverwaltungspanel für Kommunen und unterstützt den Aufbau sogenannter Data Hubs, die als Katalysatoren für eine offene Datenkultur wirken.

Ein wesentliches Hindernis in vielen Verwaltungen sind Datensilos, die durch eingespielte Muster und mangelnde Abstimmung zwischen Fachbereichen entstehen. Quick Wins – etwa wenn Sozial- und Bildungsamt Daten austauschen und dadurch die Jugendarbeit gezielt verbessern können – helfen, Skeptiker zu überzeugen und den Kulturwandel hin zu einer offenen Datenkultur schrittweise voranzutreiben.

Offene Datenräume und Transparenz – Vertrauen als strategisches Ziel

Daten sind für moderne Verwaltungen mehr als Arbeitsmaterial – sie sind Steuerungsinstrument, Kommunikationsmittel und Voraussetzung für demokratische Legitimität. Transparenz bedeutet in diesem Zusammenhang nicht nur, PDF-Berichte ins Internet zu stellen, sondern maschinenlesbare, weiterverwendbare Datensätze anzubieten. Das ermöglicht es zivilgesellschaftlichen Akteuren, Medien und Wissenschaft, die Daten eigenständig zu analysieren.

Internationale Standards spielen dabei eine zentrale Rolle. Ein Beispiel ist der IATI-Standard (International Aid Transparency Initiative), ein weltweit anerkanntes Datenmodell zur Offenlegung von Finanzflüssen. Das Transparenzportal des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) nutzt diesen Standard, um öffentliche Ausgaben in der Entwicklungszusammenarbeit bis auf Projektebene nachverfolgbar zu machen. Interessant ist dabei, dass das Portal die beteiligten Organisationen intern zu besserer Datenqualität und konsistenteren Prozessen gezwungen hat – Transparenz wirkt wie ein Qualitätsmanagement-Werkzeug nach innen.

Dieses Prinzip ist übertragbar: Wenn Kommunen ihre Haushaltsdaten, Fördermittelverwendung oder Infrastrukturprojekte in klaren, standardisierten Formaten offenlegen, verbessern sie gleichzeitig ihre internen Steuerungsinstrumente. Der Druck zur Offenlegung zwingt zur Klärung interner Strukturen, Zuständigkeiten und Datenqualität.

Gestärktes Bürgervertrauen ist dabei kein Nebeneffekt, sondern ein strategisches Ziel: Wenn Menschen Zugang zu verständlich aufbereiteten Informationen haben, fühlen sie sich ernst genommen. Offene Daten fördern informierte Meinungsbildung, Engagement in Bürgerinitiativen und Beteiligung an demokratischen Prozessen. Offene Datenräume ermöglichen so mehr Handlungsspielraum und Bürgernähe – besonders für kleine und ländliche Kommunen mit begrenzten Ressourcen.

Gleichzeitig muss Transparenz ehrlich gemeint sein: Sie darf nicht bedeuten, nur positive Aspekte zu zeigen. Vertrauen entsteht, wenn Bürgerinnen und Bürger sehen, dass auch Probleme offen benannt werden und die Verwaltung bereit ist, sich in die Karten schauen zu lassen.

Data Governance – die organisatorische Grundlage für alles Weitere

Ohne Data Governance bleibt jede Datenstrategie Stückwerk. Data Governance umfasst alle Regeln, Rollen und Prozesse, die den Umgang mit Daten in einer Organisation bestimmen: klare Zuständigkeiten (wer ist Datenverantwortlicher?), Richtlinien für Datenqualität, Datenschutz und Informationssicherheit sowie Mechanismen zum bereichsübergreifenden Datenaustausch.

Das Interreg-Projekt »Data for All« benennt Data Governance ausdrücklich als wesentlichen Bestandteil datengestützter kommunaler und regionaler Entwicklung – und als Ausgangslage für KI-gestützte Anwendungen. Ohne verlässliche und gut verwaltete Daten funktionieren auch KI-Systeme nicht zuverlässig. Typische Governance-Maßnahmen sind die Einführung eines zentralen Datenkatasters, die Benennung von Data Stewards in jedem Fachbereich sowie die Festlegung einheitlicher Standards und Klassifikationen.

Hinzu kommen ethische Leitlinien für den Umgang mit Daten und KI – idealerweise auf Grundlage des EU AI Acts. Gerade weil datengetriebene Verwaltungsleistungen personenbezogene Informationen verknüpfen, ist ein vertrauenswürdiger Umgang die Grundlage für gesellschaftliche Akzeptanz. Datenschutz-Folgenabschätzungen, Transparenzberichte und ggf. Aufsichtsgremien für algorithmische Systeme sind dabei wichtige Bausteine.

Drei Einstiegsfragen für Kommunen

Das Fraunhofer-Institut IESE schlägt drei Einstiegsfragen vor, mit denen Kommunen ihren eigenen Stand beurteilen können. Sie eignen sich als Ausgangspunkt für interne Diskussionen ebenso wie für strategische Beratungsgespräche:

  • Haben wir einen verlässlichen Überblick über unsere Daten – oder entstehen in einzelnen Fachbereichen unkontrolliert isolierte Dateninseln?
  • Wie stellen wir sicher, dass neue digitale Projekte an bestehende Strukturen andocken können?
  • Wie können wir unsere Daten stärker nutzen, um Entscheidungen evidenzbasiert und vorausschauend zu treffen?

Wer diese Fragen ernstnimmt, legt den Grundstein für eine Kommune, die ihre digitale Transformation nicht nur verwaltet – sondern aktiv gestaltet.

Fazit: Datenstrategie als Querschnittsthema – nicht als IT-Teilprojekt

Die drei hier zusammengeführten Perspektiven – europäische Projekterfahrung aus »Data for All«, fachliche Reflexion aus der Smart-City-Expertenserie des Fraunhofer-Instituts IESE und der Themenrahmen der SCCON 2025 – kommen in einem Kernbefund überein: Eine kommunale Datenstrategie ist kein IT-Teilprojekt. Sie ist ein Querschnittsthema, das Organisationskultur, Governance, Technologie und Transparenz gleichermaßen adressiert.

Die verfügbaren Werkzeuge – offene Standards, interoperable Plattformen, praxiserprobte Roadmaps, Schulungsformate und internationale Netzwerke – sind vorhanden. Die Herausforderung liegt nicht primär in der Technik, sondern in der Bereitschaft, Daten als strategische Ressource zu behandeln: intern für bessere Entscheidungen, extern für mehr Nachvollziehbarkeit und Vertrauen.

Dabei gilt: Eine offene interne Datenkultur ist die Voraussetzung für Open Data nach außen. Nur wer intern Transparenz lebt, wird auch nach außen offen sein. Und nur wer nach außen offen ist, gewinnt das Vertrauen, das moderne Verwaltung braucht, um ihre Aufgaben im digitalen Wandel wirksam erfüllen zu können.

Quellen und weiterführende Links