Genehmigungsstau, Fachkräftemangel, veraltete Netze: Die Kritik an der deutschen Infrastruktur ist bekannt – und trifft doch nur die halbe Wahrheit. Denn parallel zu diesen strukturellen Problemen wächst hierzulande eine praxisnahe Forschungslandschaft heran, die zeigt, wie leistungsfähige Netze und intelligente Energiesysteme industrielle Abläufe grundlegend verändern können. Zwei Projekte mit aconium-Beteiligung liefern dafür anschauliche Beispiele aus der Anwendungspraxis und Orientierung für den deutschen Mittelstand.

Produzierende Unternehmen stehen derzeit unter mehrfachem Transformationsdruck: Prozesse sollen digitaler werden, Lieferketten robuster, der CO2-Fußabdruck kleiner – und das alles bei anhaltendem Wettbewerbsdruck. Gemeinsame Voraussetzung dafür sind Infrastrukturen, die verlässlich Daten liefern, verarbeiten und in betriebliche Entscheidungen übersetzen können. Wie das in der Praxis aussieht, zeigen zwei Vorhaben aus unterschiedlichen technologischen Welten: das 5G-Forschungsprojekt 5G-PortVG und das Interreg-Vorhaben LIHYP zur Wasserstoffversorgung im Nordseeraum. aconium bringt in solchen Projekten die Perspektive ein, wie technische Innovation, Standortbedingungen und Umsetzungslogik zusammengeführt werden können.

5G-PortVG: Campusnetze im Hafenbetrieb erprobt

Drei Jahre lang haben sechs Partner – Projektleitung DEN GmbH, aconium GmbH, die Hochschule Stralsund, die Weiße Flotte GmbH, die Witeno GmbH und Nautitronix – in der Region Vorpommern untersucht, wie sich 5G-Campusnetze unter realen Bedingungen in Häfen und auf Wasserstraßen einsetzen lassen. Gefördert wurde das Vorhaben im 5x5G-Innovationswettbewerb des damaligen Bundesministeriums für Digitales und Verkehr. Anders als das öffentliche Mobilfunknetz wird ein Campusnetz auf einer eigenen, von der Bundesnetzagentur vergebenen Frequenz betrieben – mit garantierten Latenzen, hoher Verfügbarkeit und lokaler, datenschutzkonformer Datenhaltung. Damit entsteht eine kontrollierbare digitale Infrastruktur, die gerade für sicherheitskritische und zeitkritische Anwendungen entscheidend ist.

Erprobt wurden drei Anwendungen: die Echtzeitsteuerung autonomer Fahrzeuge und Wasserfahrzeuge, die Einbindung sensorbasierter Umfelderfassung über LIDAR, Radar und GNSS sowie autonome Logistikflotten für die Lagerverwaltung in Hafenanlagen. Zur eindrücklichsten Demonstration wurde die Solarfähre „Sünje“ der Weißen Flotte GmbH: Auf dem Selliner See auf Rügen navigierte sie beim Abschlusstreffen im November 2024 autonom durch einen vordefinierten Korridor – ausschließlich gesteuert durch Signale aus dem 5G-Campusnetz, ohne manuellen Eingriff. Parallel entstand an der Hochschule Stralsund mit dem unbemannten Oberflächenfahrzeug „Little Scientist“ ein skalierbares Testbed für Navigations- und Regelungssysteme.

Für den Mittelstand liegt der Nutzen in drei Punkten: höhere operative Effizienz durch automatisierte Prozesse, bessere Sicherheit durch kontinuierliches Sensormonitoring und eine Datenbasis, die KI-gestützte Steuerung und vorausschauende Wartung erst ermöglicht. Ein eigenes Campusnetz ist damit, wie das Projekt zeigt, längst keine Domäne großer Konzerne mehr, sondern eine skalierbare Option – von Hafenbetrieben über Logistikzentren bis zu Produktionsstandorten mit komplexen Materialflüssen. Entscheidend ist dabei nicht die Funktechnik allein, sondern die Frage, wie Netzverfügbarkeit, Datenqualität und Prozessanforderungen zusammenpassen.

LIHYP: Wasserstoffbedarf und -angebot zusammenbringen

Während 5G-PortVG auf Konnektivität zielt, adressiert LIHYP eine andere Infrastrukturfrage: Wie lassen sich Wasserstoffangebot und -nachfrage im Nordseeraum verlässlich zusammenführen? Das Interreg-Projekt baut dafür eine gemeinsame North Sea Hydrogen Plattform auf und erhebt systematisch Daten zu Bedarf, Produktion und Versorgung bis 2030. Auf dieser Basis entstehen unternehmensbezogene Roadmaps und Geschäftsmodelle, ergänzt um Arbeiten zu Systemintegration und Standardisierung. Auch hier steht die gleiche Grundfrage im Raum: Wie werden aus verstreuten Daten belastbare Entscheidungsgrundlagen für Investitionen, Versorgung und Betrieb.

Im Zentrum des industriellen Anwendungsfalls steht eine Machbarkeitsstudie für einen wasserstoffbetriebenen Güterzug im deutsch-niederländischen Grenzraum – einer Strecke, auf der Diesellokomotiven wegen unvollständiger Elektrifizierung noch lange im Einsatz bleiben dürften. Untersucht werden technische, logistische und wirtschaftliche Voraussetzungen: Wann rechnet sich Wasserstofflogistik, welche Betankungsinfrastruktur wird gebraucht, welche regulatorischen Hürden lassen sich grenzüberschreitend angleichen? Damit verbindet LIHYP die Energiefrage mit konkreten Standort und Transportentscheidungen.

Für energieintensive Branchen wie Chemie, Stahl oder Maschinenbau schafft das Projekt eine belastbare Planungsgrundlage: Eine strukturierte Datenbasis macht Energiebeschaffung kalkulierbarer und hilft, Investitionsrisiken frühzeitig einzuschätzen. Relevant wird das auch grenzüberschreitend – etwa für Unternehmen, die aus Nordwestdeutschland in die Niederlande, nach Belgien oder Dänemark liefern und künftig auf eine heute noch im Aufbau befindliche Wasserstoffinfrastruktur treffen. LIHYP zeigt damit, dass Wasserstoff nicht nur als Energieträger betrachtet werden darf, sondern als Teil eines regionalen Versorgungssystems mit Daten, Standards, Infrastruktur und Marktlogik.

Was beide Projekte dem Mittelstand mitgeben

Bei aller Unterschiedlichkeit ziehen sich durch beide Vorhaben dieselben Lehren: Technische Anwendungen sind erst dann einsatzreif, wenn die zugrundeliegende Infrastruktur verlässlich mitspielt – Netzverfügbarkeit und Versorgungssicherheit sind keine Kür, sondern Voraussetzung. Beide Projekte zeigen zudem, wie wichtig reale Betriebsdaten sind: Erst gemessene Latenzen und Durchsätze beziehungsweise erhobene Bedarfs- und Marktdaten machen aus einem Konzept eine belastbare Investitionsgrundlage.

Auffällig ist auch, woran Vorhaben dieser Art in der Praxis eher scheitern: seltener an der Technik selbst, häufiger an uneinheitlichen Schnittstellen und an regulatorischen Unterschieden zwischen Ländern und Herstellern. Wer solche Hürden früh mitdenkt, gewinnt Zeit. Und schließlich zeigen beide Projekte, dass derartige Vorhaben kaum von einzelnen Akteuren allein zu stemmen sind: Erst das Zusammenspiel aus Forschung, Wirtschaft, Kommunen und öffentlicher Förderung schafft die Umsetzungstiefe, die am Ende auch anderen Standorten als Blaupause dienen kann.

Für Unternehmen, die eigene Infrastrukturentscheidungen vor sich haben, liefern 5G-PortVG und LIHYP damit mehr als ein Zukunftsversprechen: Sie liefern Evidenz – aus dem Realbetrieb, nicht aus dem Whitepaper.

Weiterführende Informationen zu den Projekten: 5G-PortVG und LIHYP.