Künstliche Intelligenz hält zunehmend Einzug ins Handwerk – vorausgesetzt, sie liefert einen echten Mehrwert im Arbeitsalltag. Genau hier setzt das Projekt BauNXT an: Ein KI-gestützter Assistent, der Dachhandwerkerinnen und Dachhandwerker unmittelbar auf der Baustelle unterstützt.

Entwickelt wird BauNXT im Rahmen eines vom Land Baden-Württemberg geförderten Vorhabens durch die Kreishandwerkerschaft Ravensburg gemeinsam mit Fachleuten der aconium GmbH aus Berlin sowie dem KI-Unternehmen embraceable Technology GmbH. Erste Praxistests laufen bereits – unter anderem mit Dachdeckermeister Mike Schilling und weiteren Betrieben. aconium bringt dabei die Verbindung aus Fachlogik, Regelwerksanalyse und nutzerorientierter Umsetzung ein, damit das System im Baustellenalltag tatsächlich trägt.

Ziel des Projekts ist es, mithilfe von KI typische Schadensbilder auf dem Dach zu analysieren und daraus innerhalb kürzester Zeit fachregelkonforme, praxistaugliche Lösungsvorschläge abzuleiten. Grundlage dafür können unter anderem Fotos sein, die direkt auf der Baustelle aufgenommen werden. Entscheidend ist nicht nur die Erkennung, sondern die nachvollziehbare Ableitung: Welche Regel greift, welche Ausführung ist zulässig, welche Schritte sind konkret erforderlich.

Regelwerke werden immer komplexer – KI als notwendige Hilfe

„Die Menge an Normen, Regelwerken und Vorschriften im Dachhandwerk ist enorm angewachsen“, sagt Florian Jentsch, Leiter des aconium-Regionalbüros Baden-Württemberg und Projektleiter von BauNXT. Insgesamt umfassen die einschlägigen Regelwerke derzeit rund 1.600 Seiten – Tendenz steigend. Neue gesetzliche Vorgaben, Weiterentwicklungen bei Materialien und veränderte klimatische Bedingungen sorgen dafür, dass Inhalte ständig angepasst werden müssen. Die Herausforderung liegt damit weniger im Zugang zu Informationen als in ihrer sicheren Anwendung unter Zeitdruck.

Gleichzeitig verschärfen Fachkräftemangel, der Ruhestand erfahrener Praktiker und der Einstieg vieler Berufsanfänger die Situation zusätzlich. Für Jentsch ist klar: „Diese Kombination zeigt sehr deutlich, dass digitale Unterstützungssysteme künftig unverzichtbar sein werden.“ BauNXT adressiert genau diese Lücke: Wissen wird nicht ersetzt, sondern im Moment der Entscheidung verfügbar gemacht.

Regelwerke sicher anwenden – viele Betriebe wünschen sich Unterstützung

Eine im Vorfeld des Projekts durchgeführte Befragung bestätigte den Handlungsbedarf. Demnach fühlen sich nur etwa 20 Prozent der teilnehmenden Betriebe sicher im Umgang mit dem umfangreichen Regelwerk. Die Mehrheit ist unsicher, welche Vorschrift wann gilt oder wo relevante Informationen zu finden sind. „Das macht deutlich, wie dringend eine einfache, schnelle und für alle zugängliche Lösung benötigt wird“, so Jentsch. Damit wird Regelwerkssicherheit zu einem Qualitätsfaktor, der über Haftung, Kundenzufriedenheit und Wettbewerbsfähigkeit mitentscheidet.

Diese Einschätzung teilt auch Mike Schilling, Dachdeckermeister aus Grünkraut bei Ravensburg und ehemaliger Vizepräsident des Zentralverbands des Deutschen Dachdeckerhandwerks (ZVDH). Aus seiner Erfahrung heraus beschäftigen sich viele Handwerker nach Abschluss der Ausbildung kaum noch mit Fortbildungen – nicht aus Desinteresse, sondern weil Zeit und Ressourcen fehlen. „Mehrere Ordner voller Fachregeln kann niemand permanent präsent haben“, sagt er.

Ein digitales Nachschlagewerk in Echtzeit

Für Schilling liegt die Lösung auf der Hand: eine digitale Anwendung, die relevante Informationen genau dann liefert, wenn sie gebraucht werden. Seine Vision: eine Art Suchmaschine speziell für das Dachhandwerk. „Warum sollte das, was bei allgemeinen Informationen selbstverständlich ist, nicht auch für unser Gewerk funktionieren?“, fragt er. Sein Wunsch: jederzeit Zugriff auf das vollständige Regelwerk – direkt über das Smartphone. Damit rückt die Nutzbarkeit im Einsatz in den Vordergrund: kurze Wege, klare Antworten, saubere Quellen.

BauNXT soll genau das leisten: Fragen beantworten, passende Lösungen vorschlagen und perspektivisch auch Schulungsinhalte vermitteln. Digitale Lernformate könnten klassische Weiterbildungen ergänzen oder teilweise ersetzen – gerade vor dem Hintergrund, dass sich Wissen schnell verändert. Schilling sieht darin auch einen Motivationsfaktor: „Die Arbeit mit einem intelligenten Assistenten macht Spaß und stärkt zugleich die fachliche Sicherheit – gegenüber Kunden ebenso wie gegenüber Planern oder Architekten.“ Wichtig ist dabei, dass Antworten begründet werden können, also mit Verweis auf die zugrunde liegende Regel und die konkrete Auslegung.

Lernen vor dem Einsatz: KI-Entwicklung braucht Praxiswissen

Bis ein solcher Assistent zuverlässig funktioniert, ist allerdings einiges an Vorarbeit nötig. Bevor die KI Schäden korrekt erkennt oder passende Lösungen vorschlägt, muss sie trainiert werden. Zu Beginn des Projekts wurden daher zahlreiche Interviews mit Dachdeckerinnen und Dachdeckern geführt, um deren Anforderungen und Erwartungen zu verstehen. aconium hat diese Anforderungen strukturiert und in umsetzbare Kriterien übersetzt, damit die technische Entwicklung eng an der Praxis bleibt.

Darauf aufbauend begann die Arbeit an der Bilderkennung. „Zunächst mussten wir definieren, welche Merkmale überhaupt relevant sind, damit ein Schaden eindeutig identifiziert werden kann“, erläutert Jentsch. Erst auf dieser Basis kann die KI lernen, Fotos richtig zu interpretieren. Parallel wird die fachliche Logik aufgebaut: Welche Schadensklasse führt zu welchen regelkonformen Maßnahmen, und welche Randbedingungen sind zu prüfen.

Prototyp im Baustellenalltag im Einsatz

Aktuell wird ein Prototyp von BauNXT direkt im Arbeitsalltag erprobt. Mike Schilling und weitere Dachdeckermeister setzen die Anwendung auf realen Baustellen ein und testen sie unter Praxisbedingungen. Die Rückmeldungen fließen unmittelbar in die Weiterentwicklung ein. So wird früh sichtbar, ob Bedienung, Antwortformat und Quellennachweise dem Arbeitsrhythmus auf der Baustelle entsprechen.

Dabei geht es nicht nur um korrekte Antworten, sondern auch um Alltagstauglichkeit. „Auf der Baustelle brauche ich keine langen Abhandlungen, sondern eine präzise, schnell verfügbare Information“, sagt Schilling. Ebenso wichtig ist für ihn, dass die KI transparent macht, auf welche Regel oder Norm sich eine Antwort stützt. Genau diese Nachvollziehbarkeit ist entscheidend, damit digitale Unterstützung Vertrauen schafft und fachliche Verantwortung stärkt.

Langfristig soll BauNXT nicht nur bei Schadensanalysen helfen, sondern auch Planungs- und Ausführungsfehler frühzeitig erkennen und strukturierte Arbeitsabläufe unterstützen. Damit kann der Assistent vom reinen Nachschlagen zu einem Werkzeug für Qualitätssicherung werden.

Stärkung der Fachkompetenz im Handwerk

Ob sich der KI-Assistent breit durchsetzen wird, hängt aus Sicht von Florian Jentsch stark von der Unternehmenskultur ab. Gerade ältere Beschäftigte könnten anfangs Berührungsängste haben. Entscheidend sei jedoch, dass Führungskräfte den Nutzen digitaler Werkzeuge vorleben. „Wenn klar wird, dass KI den Arbeitsalltag erleichtert, wird die Akzeptanz wachsen“, ist er überzeugt. BauNXT setzt deshalb auf schrittweise Einführung, klare Mehrwerte und ein Antwortformat, das Handlungsfähigkeit erhöht, nicht Bürokratie.

Darüber hinaus sieht Jentsch einen wichtigen strategischen Effekt: BauNXT kann qualifizierte Handwerker dabei unterstützen, ihre Expertise souverän zu vertreten – auf Augenhöhe mit Kunden, Planern und Ingenieuren. Das stärke die Qualität im Markt und setze unseriösen Anbietern klare Grenzen. Damit wird digitale Unterstützung auch zu einem Instrument gegen Qualitätsverlust in einem angespannten Markt.

Ausblick: Start für Mitgliedsbetriebe geplant

Die Testphase von BauNXT läuft noch bis Ende des Jahres. Abhängig vom weiteren Anpassungsbedarf könnte der KI-Assistent nach aktueller Planung bis Ostern 2026 den Mitgliedsbetrieben der Kreishandwerkerschaft Ravensburg zur Verfügung stehen. Parallel denken die Projektpartner bereits über die Zukunft hinaus.

Langfristig soll BauNXT nicht nur im Dachdeckerhandwerk eingesetzt werden. Auch andere Gewerke stehen vor ähnlichen Herausforderungen in Bezug auf Regelwerksdichte, Fachkräftemangel und Wissensvermittlung. Ziel ist daher weniger eine klassische Vermarktung als vielmehr der Aufbau einer gemeinsamen, zukunftsfähigen digitalen Infrastruktur für das Bau- und Ausbauhandwerk, die Wissen verfügbar macht, Anwendung absichert und Lernen in den Arbeitsalltag integriert.