Kleinere Kommunen wie Bad Belzig nutzen Programme wie den Wettbewerb Modellprojekte Smart Cities, um digitale Entwicklung aktiv zu gestalten und eigene Lösungen für Stadtentwicklung, Verwaltung und Daseinsvorsorge zu erproben. Damit daraus mehr wird als eine befristete Förderepisode, braucht es Nutzen, der auch nach Auslaufen der Mittel trägt.
Wer bei „Heilbad“ an Beschaulichkeit denkt, liegt in Bad Belzig zunächst richtig: Die sanierte Altstadt im brandenburgischen Naturpark Hoher Fläming, rund 80 Kilometer südwestlich von Berlin, trägt sichtbar die Handschrift europäischer Förderprogramme, überragt von der im 9. Jahrhundert gegründeten Burg Eisenhardt. Eine digitale Vorreiterrolle vermutet man hier nicht auf den ersten Blick. Und doch gehören Bad Belzig und der Nachbarort Wiesenburg zu den Teilnehmern am Modellprojekt Smart Cities (MPSC) und zeigen, wie digitale Entwicklung auch in kleineren Kommunen praktisch erprobt werden kann.
Die interkommunale Zusammenarbeit läuft unter dem Namen „Zukunftsschusterei“, benannt nach den ehemaligen Schuhläden, in denen beide Projektteams zunächst ihr Büro bezogen. Dahinter steckt eine klare Motivation: Abwanderung aus dem ländlichen Raum entgegenwirken und für digital orientierte Menschen aus Leipzig, Magdeburg, Potsdam oder Berlin attraktiver werden. Wiesenburg setzt ergänzend auf Dorfgemeinschaftshäuser, einen Smart Village Campus und die Umnutzung ehemaliger Industrieflächen.
Digitalisierung als Experimentierfeld
Rund sechs Millionen Euro stehen beiden Kommunen gemeinsam über sieben Jahre aus dem MPSC zur Verfügung, bei zehn Prozent Eigenanteil. Seit die Zuständigkeit zum Bundesbauministerium gewechselt ist, liegt der Fokus stärker auf integrierter Stadtentwicklung als auf klassischer Verwaltungsdigitalisierung: Umwelt, Lebensqualität, Mobilität und Gesellschaft bilden die zentralen Handlungsfelder. Malte Specht, der das Projekt in Bad Belzig leitet, beschreibt den Ansatz als bewusst experimentell – man probiere verschiedene digitale Werkzeuge aus und beobachte, welche bei den Menschen ankommen, sich dauerhaft nutzen lassen oder sogar zu einem eigenen Geschäftsmodell werden.
Sichtbarstes Ergebnis ist die Bad-Belzig-App: Sie bündelt Lokalnachrichten, informiert per Push über Abfuhrtermine, ermöglicht über den „Maerker“ das Melden von Schlaglöchern oder illegalen Müllablagerungen, stellt die Kommunalpolitik vor und bietet digitale Bürgerdienste wie die Gewerbean- und -abmeldung. Der Schwerpunkt liegt dabei nach wie vor eher auf Information als auf Interaktion. Ein zweites Beispiel ist die Buchungsplattform Biletado, ein Gemeinschaftsprojekt mit der Kiel Region und dem Amt Süderbrarup: Über sie lassen sich Räume und Technik in Bad Belzig buchen, mandantenfähig getrennt nach interner und externer Nutzung, inklusive Online-Bezahlung. Damit werden konkrete Verwaltungs- und Alltagsbedarfe adressiert, nicht nur abstrakte Digitalisierungsziele.
Datenbasierte Stadtentwicklung
Einen weiteren Schwerpunkt bildet das Feld „Planen mit Daten“. Eine Klimadaten-Plattform auf LoRaWAN-Basis misst über 104 Sensorgruppen im Stadtgebiet die Bodenfeuchte – ein direkter Reflex auf die sandigen, wasserarmen Böden des Flämings, wo im Ortsteil Lübnitz binnen sechs Jahren bereits 60 Prozent des alten, denkmalgeschützten Baumbestands trockenheitsbedingt verloren gingen. Ein Dashboard macht die Feuchtewerte in 30 und 60 Zentimetern Tiefe sichtbar; eine Citizen-Science-Initiative bindet Bürgerinnen und Bürger ein, die etwa ihre Streuobstwiesen selbst vermessen.
Bewusst hat Bad Belzig auf eine eigene urbane Datenplattform verzichtet und setzt stattdessen auf Open-Source-Communities wie The Things Network. Über diese IoT-Infrastruktur sind weitere Vorhaben in Planung, etwa die Überwachung von Wasserzählern auf der Burg Eisenhardt und eine Raumtemperaturmessung in den Rathausbüros, die künftige energetische Sanierungen vorbereiten soll. Das Beispiel zeigt, dass Dateninfrastruktur nicht groß beginnen muss. Entscheidend ist, ob sie an konkrete Aufgaben anschließt und Schritt für Schritt erweitert werden kann.
Wie es weitergehen soll
Eine Nachnutzung über die Förderlaufzeit hinaus ist beim MPSC nicht verpflichtend, aber ausdrücklich gewünscht. Die zusätzlich vom Land geförderte Bad-Belzig-App ist inzwischen in 50 brandenburgischen und 20 weiteren bundesweiten Kommunen im Einsatz, Biletado wird in Brandenburg bislang von der Stadt Guben genutzt. Projektleiter Malte Specht bringt die Erfolgsformel auf den Punkt: Nachnutzung gelingt, wenn Kommunen zusammenarbeiten, gemeinsam entwickeln und dieselbe Software nutzen – je mehr Kommunen ein System teilen, desto größer die Überlebenschancen.
Die Förderung endet in Bad Belzig Ende 2027. Ob und wie es danach weitergeht, hängt davon ab, wie wertvoll sich die Projekte für die Kommune erwiesen haben. Häufig entscheiden dabei rechtliche Details: Würde man Biletado zu einem Veranstaltungsmanagementsystem für Vereine ausbauen, geriete man nach EU-Recht schnell in die Kategorie Online-Marktplatz – mit entsprechend hohen Anforderungen. Auch eine kommerzielle Weiterentwicklung des Smart-Metering-Netzwerks ist nicht trivial; immerhin zeichnet sich ab, dass die Stadtwerke künftig die Betriebsbürgschaft übernehmen und sich die Kosten mit der Stadt teilen.
Genau an diesem Punkt setzt Erfahrung an, die auch aconium aus der Begleitung kommunaler Förderprojekte kennt: Technisch sind viele Smart-City-Lösungen längst erprobt – die eigentliche Weichenstellung fällt bei der Frage, wer ein System nach Förderende betreibt, wie sich Betreibermodelle rechtssicher gestalten lassen und ob sich mehrere Kommunen eine Lösung teilen können. Beispiele wie Bad Belzig zeigen, dass sich diese Fragen umso leichter beantworten lassen, je früher sie mitgedacht werden. Darin liegt eine zentrale Lehre für kommunale Digitalisierung: Wirkung entsteht nicht durch die Einführung einzelner Anwendungen, sondern durch tragfähige Strukturen, gemeinsame Nutzung und realistische Betriebsperspektiven.