KI ist keine abstrakte Softwaretechnologie mehr. Sie bewegt sich, trägt, montiert und navigiert. Was sich in Laboren und Pilotprojekten lange als Zukunftsvision dargestellt hat, ist auf der Hannover Messe 2026 zur handfesten Ausstellungsrealität geworden. Gemeinsam mit Mitgliedern der Initiative D21 haben wir diesen Entwicklungsstand in einem kuratierten Rundgang unter dem Thema Physical AI erkundet – und dabei nicht nur technologische Fortschritte beobachtet, sondern auch die gesellschaftlichen Fragen schärfer konturiert, die mit dieser Entwicklung einhergehen.

Besonders deutlich wurde: Viele relevante Entwicklungen kommen aus Deutschland und Europa – getragen von industrieller Stärke, technologischer Tiefe und einer wachsenden Aufmerksamkeit für digitale Souveränität.

Physical AI: Eine Begriffsbestimmung

Physical AI bezeichnet die Integration von KI-Systemen in physische Wirkungszusammenhänge – also z.B. in humanoide Roboter, autonome Fahrzeuge, Produktionsanlagen, Pflegehilfen oder landwirtschaftliche Maschinen. Im Unterschied zu digitalen KI-Systemen wie großen Sprachmodellen oder analytischer KI, die vorrangig Daten auswerten, Texte generieren oder Prozesse optimieren, agiert Physical AI in der realen Welt. Sie verarbeitet nicht nur Informationen, sondern steuert körperliche Handlungen und erzeugt damit unmittelbare Folgen.

Diese Unterscheidung ist nicht trivial. Mit dem Übergang in die physische Welt verändern sich Anforderungen an Zuverlässigkeit, Sicherheit, Haftung, unternehmerische Verantwortung und gesellschaftliche Akzeptanz fundamental. Ein Sprachmodell, das eine fehlerhafte Antwort liefert, lässt sich korrigieren. Ein autonomes System, das in der Fertigung oder im Straßenverkehr versagt, kann irreversible Folgen haben.

Was die Hannover Messe 2026 zeigt: Reife statt Prototypen

Der Messerundgang bestätigte eine Einschätzung, die in der D21-Arbeitsgruppe Physical AI bereits diskutiert wird: Die Technologie hat den Prototypenstatus in vielen Teilen verlassen. Kollaborative Roboter, autonome Transportsysteme für Logistik und Intralogistik sowie KI-gestützte Qualitätskontrolle in der Fertigung sind keine Konzeptstudien mehr – sie sind produktiv im Einsatz oder kurz davor.

Besonders aufschlussreich waren Use Cases aus konkreten Produktionsumgebungen: Physical AI wird dort nicht abstrakt erprobt, sondern entlang eng umrissener Aufgaben eingeführt – etwa zur Prozessoptimierung, zur Entlastung von Beschäftigten oder zur Qualitätssicherung. Das zeigt: Der Einstieg in Physical AI muss nicht zwingend über groß angelegte Transformationsprogramme erfolgen. Er kann auch über klar definierte, beherrschbare Anwendungsfälle gelingen. Jetzt gilt es insbesondere Lösungen für den Mittelstand zu entwickeln und so Produktivitätsgewinne breit zugänglich zu machen.

Plattformen, Simulation und Daten als Grundlage

Deutlich wurde zugleich: Physical AI entwickelt sich nicht allein über leistungsfähigere Roboter. Entscheidend ist das Zusammenspiel aus Hardware, Software, Daten, Simulation und Integrationsplattformen. Digitale Zwillinge, virtuelle Trainingsumgebungen und wiederverwendbare Datenmodelle werden zur Voraussetzung, um Anwendungen sicher zu entwickeln, zu testen und in bestehende Produktionslandschaften zu integrieren.

Gerade in sogenannten Brownfield-Umgebungen ist das zentral. Viele Unternehmen führen Physical AI nicht auf der grünen Wiese ein, sondern in bestehenden Maschinenparks, Prozessketten und IT-Strukturen. Offene Schnittstellen, technologieoffene Plattformen und flexible Integrationsmodelle können hier den Unterschied machen – insbesondere für kleinere und mittlere Unternehmen, die konkrete Use Cases umsetzen wollen, ohne eigene Großforschungsstrukturen aufzubauen.

Mensch-Maschine-Kollaboration als Leitbild

Dominantes Narrativ auf der Messe war nicht die Vollautomatisierung, sondern die Kooperation: Systeme, die menschliche Arbeit ergänzen, entlasten und erweitern – nicht ersetzen. Dieser Paradigmenwechsel in der Darstellung ist bedeutsam, weil er die Akzeptanzfrage adressiert, die für eine breite gesellschaftliche Nutzung von Physical AI entscheidend ist.

Gleichwohl bleibt offen, wie sich diese Leitbilder in reale Arbeitsverhältnisse übersetzen. Die Messe zeigt technische Möglichkeiten – die Aushandlung dieser Möglichkeiten mit Beschäftigten, Gewerkschaften und der Gesellschaft steht in vielen Bereichen noch aus.

Technologische Souveränität als strategische Dimension

Physical AI ist auch eine Frage technologischer Souveränität. Wer die Plattformen, Simulationsumgebungen, Datenflüsse, Modelle und Integrationsarchitekturen kontrolliert, prägt künftige Wertschöpfung. Für Deutschland und Europa ist das eine strategische Weichenstellung: Wollen wir primär Anwender von Physical-AI-Systemen sein, die anderswo entwickelt, trainiert und skaliert werden – oder wollen wir Mitgestalter dieser Technologiegeneration bleiben?

Die Hannover Messe machte sichtbar, dass Europa über starke industrielle Voraussetzungen verfügt: Automatisierungserfahrung, Maschinenbaukompetenz, Sensorik, Aktorik, Materialwissen, Produktions-Know-how und anwendungsnahe Forschung. Entscheidend wird sein, diese Stärken mit Daten-, Plattform- und Infrastrukturansätzen zu verbinden.

Gesellschaftliche Fragen, die wir diskutieren müssen

Der Rundgang auf der Messe war bewusst als Dialog angelegt: Nicht nur Technologie beschauen, sondern Fragen stellen. Die Eindrücke vor Ort haben dabei einige Diskussionslinien vertieft, die die AG Physical AI der Initiative D21 bereits als zentral identifiziert hat:

  • Regulierung und Erprobungsräume: Technische Reife und regulatorischer Rahmen entwickeln sich derzeit nicht im gleichen Tempo. Gerade wenn Physical AI über abgeschlossene Produktionsumgebungen hinaus in öffentliche Räume, Pflege, Gesundheit oder Mobilität vordringt, braucht es klare Zuständigkeiten, Haftungsregeln, Sicherheitsanforderungen und kontrollierte Erprobungsmöglichkeiten. Arbeit und Qualifikation: Physical AI verändert Berufsbilder – in der Produktion, der Logistik, dem Handwerk, aber ebenso in Gesundheit und Pflege. Die Frage ist nicht nur, welche Tätigkeiten wegfallen, sondern welche neuen entstehen und wie Qualifizierungswege gestaltet werden müssen.
  • Vertrauen und Akzeptanz: Die gesellschaftliche Akzeptanz von Physical AI hängt nicht allein von technischer Leistungsfähigkeit ab. Entscheidend sind transparente Nutzenversprechen, nachvollziehbare Entscheidungslogiken, Beteiligung betroffener Gruppen und glaubwürdige Sicherheitskonzepte.
  • Positive Zukunftsbilder jenseits der Industrieautomation: Die öffentliche Wahrnehmung von Automatisierung und Robotik ist nach wie vor häufig von Verdrängungsangst geprägt. Es braucht konkrete, erlebbare Anwendungsszenarien, die zeigen, was Physical AI für Menschen ermöglichen kann – in der Landwirtschaft, der Medizin, der Katastrophenhilfe, der Pflege, aber auch im Alltag.

Die Rolle von D21 und aconium

Die Initiative D21 positioniert sich mit ihrer Arbeitsgruppe Physical AI genau an dieser Schnittstelle: zwischen technologischer Entwicklung und gesellschaftlicher Gestaltung. Physical AI wird kommen – die Frage ist, ob wir als Gesellschaft diese Entwicklung aktiv prägen oder nur reaktiv begleiten.

Vor diesem Hintergrund fand im Kontext der D21-Arbeitsgruppe Physical AI, deren Co-Leitung aconium auch innehat, ein kuratierter Messerundgang für Mitglieder und Förderer der Initiative D21 auf der Hannover Messe statt. Gemeinsam mit D21-Vorstandsmitglied Jens-Rainer Jänig (Geschäftsführer mc-quadrat GmbH) haben wir den Rundgang vor Ort begleitet. Entlang ausgewählter Stationen erhielten die Teilnehmenden Einblicke in konkrete Anwendungen aus Robotik und autonomen Systemen, Simulation und industrieller KI.

Der Messerundgang auf der Hannover Messe 2026 war für die D21-Mitglieder ein Angebot, diese Frage mit eigenen Augen zu sehen: konkret, greifbar und im Dialog mit denjenigen, die an der Umsetzung arbeiten. Als aconium sehen wir unsere Aufgabe darin, technologische Einordnung mit strategischer Relevanz zu verbinden und so zur überlegten gesellschaftlichen Urteilsbildung beizutragen.

Physical AI ist kein Technologiethema für Spezialisten. Es ist ein Gestaltungsthema für alle, die Verantwortung für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft tragen. Die Hannover Messe 2026 hat das eindrucksvoll unterstrichen.